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Teil 6 Hochsensibel und leicht überreizt – was Pädagoginnen über das Nervensystem wissen sollten

Hochsensibilität (HSP – Highly Sensitive Person) ist kein klinischer Begriff.

Sie gilt als Persönlichkeitsmerkmal bzw. Temperamentsausprägung und nicht als neurologische Störung oder Diagnose.

Die Hochsensibilität zeigt sich familiär gehäuft. Das Gehirn reagiert stärker auf Reize, verarbeitet sie tiefer und ausführlicher.

Hochsensible Menschen haben eine stärkere Aktivität in Hirnregionen für Empathie, eine intensivere Reizverarbeitung eine höhere Sensitivität für subtile Signale und tendenziell ein empfindlicheres Stresssystem.

Ein unterstützendes oder belastendes Umfeld kann beeinflussen, wie gut man mit der eigenen Sensitivität umgehen kann und ob sie sich als Stärke oder Belastung zeigt.

Man erwirbt Hochsensibilität also nicht plötzlich – sie ist von Anfang an da.

Wie viele Menschen sind Hochsensibel?

Es gibt keine medizinischen Tests, die Hochsensibilität messen können, daher schwanken die Zahlen. Je nach Studie und Definition sind zwischen 15-20% und 20-30% der Menschen, unabhängig von Alter oder Geschlecht betroffen.

Das bedeutet, das überall hochsensible Menschen um uns sind, was eigentlich ein Geschenk ist, denn sie zeigen uns wo Grenzen missachtet werden.

In jeder Kindergartengruppe und Schulklassen sind statistisch 1-4 Kinder betroffen – je nach Größe der Gruppe.

In Lehrerkollegien mit 100 und mehr Lehrern sind es statistisch sogar 15-20 Menschen.

Der Anteil an Hochsensiblen Menschen könnte in Erzieher- und in Lehrerkollegien sogar noch höher sein, denn es gibt Hinweise, dass Menschen mit hoher Empathie, Beobachtungsgabe und sozialer Sensibilität Berufe wie Erziehung, Pädagogik oder Pflege eher wählen.Daher vermuten manche Fachleute, dass in sozialen Berufen überdurchschnittlich viele hochsensible Menschen arbeiten — zuverlässige Daten fehlen jedoch.

Wie wirkt sich Hochsensibilität im Alltag von Kindern aus?

Kindergarten und Schulalltag sind wuselig, laut und bieten viele Stimmungen. Was für normal sensible Menschen anstrengend sein kann, ist für Hochsensible sehr schnell überfordernd.

Da sie Reize viel intensiver wahrnehmen und viel sensibler für subtile Signale sind, ist es ihnen schnell zu laut, zu hell und zu intensiv. Sie leiden sehr bei Konflikten, können lange über Erlebnisse nachdenken und Gefühle wirken manchmal „unverhältnismäßig stark“.

Sie reagieren viel empfindlicher auf nasse oder schmutzige Hände, Hunger, Erschöpfung, Schmerzen, kratzige Kleidung und viele andere Dinge

Neues fühlt sich schnell „zu viel“ an und im Leben eines Kindes ist sehr viel neu. Personalwechsel in der Kita, neue Gruppenmitglieder, neue Kleidung, spontane Änderungen, Gruppenwechsel, Schulwechsel….

Wenn ihr System keine weiteren Reize mehr aufnehmen kann sind sie erschöpft und brauchen Zeit und Raum zur Erholung. Da sie Reize viel intensiver verarbeiten und auch mehr Reize als andere aufnehmen tritt die Erschöpfung früher ein als bei anderen.

Wie reagieren Kinder auf Überforderung

Hochsensible Kinder zeigen bei Überforderung häufig eine Mischung aus emotionalen, körperlichen, verhaltensbezogenen und kognitiven Reaktionen.

Emotional reagieren sie oft schnell mit Tränen, starken Stimmungsschwankungen, Gereiztheit, Wutausbrüchen oder dem Bedürfnis nach Rückzug. Auch Ängste oder übermäßige Sorgen können auftreten.

Körperlich äußert sich Überforderung bei ihnen häufig durch Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Zittern, Schwitzen oder Müdigkeit. Sie sind oft besonders lärm- oder lichtempfindlich und wirken schneller erschöpft als andere Kinder.

Im Verhalten zeigen sie sich dann rückzugsbedürftig, verstecken sich oder „schalten ab“. Manche meiden bestimmte Situationen wie laute oder überfüllte Räume, andere entwickeln Perfektionismus oder Angst vor Fehlern.

Einige Kinder frieren regelrecht ein und reagieren kaum, während andere in eine Übererregung geraten, viel reden, rennen oder quietschen und schwer zur Ruhe finden.

Kognitiv zeigen sich oft Schwierigkeiten bei Entscheidungen, Konzentrationsprobleme oder das Gefühl, dass selbst einfache Aufgaben zu viel werden.

Und die Fachkräfte?

Für sie gilt das gleiche. Viele Erwachsene wissen gar nicht, das sie hochsensibel sind. Wer dieses „alles ist zu viel, zu laut, zu…“ kennt könnte hier vielleicht mal hinschauen.

Die besonderen Fähigkeiten von Hochsensiblen

Sind sie oft aufmerksam, feinfühlig und sehr wach für ihre Umgebung. Sie bemerken sofort, wenn jemand traurig, verletzt oder gestresst ist und haben extrem feinfühlige Antennen für die Gefühle und Bedürfnisse anderer. Sie trösten auch schon in jungen Jahren oder fragen nach „Warum geht’s dir nicht gut?“. Sie sehen, hören und spüren Kleinigkeiten, die andere übersehen: subtile Stimmveränderungen, kleine Fehler, Gerüche und Veränderungen im Tagesablauf.

Hochsensible verarbeiten Eindrücke gründlich und intensiv und sie können sehr kreativ, künstlerisch und ideenreich sein.

Wie aufmerksame Fachkräfte helfen können

Das wichtigste ist sicherlich der aufmerksame, wache Blick auf die drohende Überforderung der Kinder. Dabei ist es wichtig, dass Kinder dabei unterstützt werden ihre Gefühle wahrzunehmen: „Du bist gerade erschöpft / wütend /  ängstlich, das ist okay.“ Im zweiten Schritt können dann Regulationsmöglichkeiten angeboten werden.

Dabei ist der Schutz vor Reizüberflutung wichtig.

Dazu könnten ruhige Rückzugsräume z.B. nach Gruppenphasen eingerichtet werden, Kopfhörer oder Ohrstöpsel angeboten werden und „Reizfreie Zeiten“ (Natur, Stille) in den Alltag eingeplant werden.

Vorhersehbare Routinen und sanfte Übergänge von einer Situation zur nächsten und ein sicherer Rahmen helfen hochsensiblen Kinder sich nicht zu überfordern.

Längere und häufigere Pausen helfen ihnen im Alltag die Geschehnisse zu verarbeiten und schützen sie vor Überforderung.

Regelmäßige Entspannungstechniken beruhigen ein überaktives Nervensystem. Dazu können Atemtechniken und Achtsamkeitsübungen angewendet werden.

Wenn wir verstehen, wie unterschiedlich Kinder auf ihre Umwelt reagieren – und dass ihr Verhalten oft eine direkte Folge der Reizverarbeitung ist – können wir mitfühlender begleiten. Hochsensible Kinder brauchen Erwachsene, die ihr Nervensystem und ihre Überforderung ernst nehmen.

Hochsensibilität ist keine Schwäche – sie wird zur Stärke, wenn man sie kennt.

 

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