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Wenn unsere Emotionen uns überrennen – wie unser Nervensystem uns schützt 

Manchmal erleben wir innere Unruhe, emotionale Überwältigung oder reagieren viel stärker, als es die Situation eigentlich verlangt. Und dann wundern wir uns: Was war da bloß wieder los mit mir?


Diese Reaktion ist unser Schutzprogramm, das angesprungen ist. Ein altes Muster, das sich meldet, sobald etwas in unserem Umfeld – ein Wort, ein Blick, ein Geruch, ein Tonfall – unserem System signalisiert: Achtung, das kennen wir. Das war mal gefährlich. Die Natur hat uns damit ausgestattet, damit wir im Leben und in unserem Alltag klarkommen. Es schützt uns, oft bevor wir überhaupt bewusst begreifen, was gerade passiert. Was wir heute als „Überreaktion“ erleben, war früher einmal überlebenswichtig.


Wir können uns die Funktion unseres Gehirns als Betriebssystem vorstellen. Eine innere Software, die schon im Mutterleib programmiert wird. Jede Emotion, die die Mutter spürt sorgt für eine Hormondusche beim Baby und je mehr Emotionen die Mutter spürt, desto größer ist das emotionale Repertoire des Babys.

Nach der Geburt lernen wir durch unsere Bezugspersonen, wie wir mit Gefühlen und Körperempfindungen umgehen können – oder müssen. Ob wir gehalten werden, wenn wir weinen. Ob jemand zuhört, wenn wir überfordert sind. Oder ob wir lernen, uns zurückzuziehen, still zu sein, zu funktionieren.


Unsere Reaktionen heute spiegeln genau das, was wir damals gelernt haben. Wer liebevoll begleitet wurde, kann in Stress leichter in der eigenen Mitte bleiben. Wer Wut, Angst oder Ablehnung erfahren hat, trägt oft tief verankerte Schutzmechanismen in sich, die sich dann plötzlich und heftig zeigen können.


Auch wenn sich diese Programme unangenehm anfühlen – sie sind kein Feind. Unser Körper versucht nicht, uns zu sabotieren. Er schützt uns. Vor erneutem Schmerz, vor Überforderung, vor dem Gefühl von damals. Es ist ein fein abgestimmtes System, das reagiert, weil es einmal lernen musste, wachsam zu sein.


Wie kommen wir daraus?

Der Weg heraus beginnt mit einem liebevollen Hineinspüren. Die eigenen Reaktionen ernst nehmen. Wut zulassen. Tränen fließen lassen. Es ist die Einladung, uns selbst tiefer zu verstehen.


Ich selbst merke das besonders in Situationen mit meinen pubertierenden Kindern. Wenn ich überreagiere, versuche ich, einen Moment Abstand zu gewinnen um Raum für meine echten Gefühle zu schaffen. Oft ist da zuerst Wut, darunter liegt meist Hilflosigkeit.

In solchen Situationen erinnere ich mich auch an meine eigene innere Arbeit.


Ich habe selbst EMDR-Sitzungen bei einer Kollegin gemacht – und mich den alten, verletzten Gefühlen in mir zugewandt. Diese Erfahrungen haben mir geholfen, mich heute schneller zu verstehen. Und vor allem: meine Hilflosigkeit nicht an meinen Kindern auszulassen.


Wenn diese Gefühle abebben bin ich meistens in der Lage wieder mit ihnen zu sprechen. Ich kann ihnen erklären warum mich das verletzt hat und ich kann ihnen zuhören, was sie verletzt hat. Dadurch wird Kommunikation wieder möglich. Statt in alte Muster zu rutschen, entsteht ein neues, echtes Miteinander.


Heilung beginnt dort, wo wir uns – und auch anderen – mit Mitgefühl begegnen.


Nicole

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