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Wie geht es den Alten?… es kommt darauf an …


Bild von sabinevanerp
Bild von sabinevanerp

Erstaunlicherweise haben Gesundheitszustand oder Lebensumstände oft nur wenig mit dem inneren Gefühl von Zufriedenheit zu tun.


Ich habe in meiner Arbeit alles erlebt:

Menschen, die in sicherer häuslicher Umgebung leben, gut versorgt sind, selbständig – und dennoch griesgrämig, unzufrieden, voller Ärger über alles und jeden.

Und andere, die Schmerzen haben, vieles nicht mehr können und dennoch auf die Frage antworten:

„Ach, es geht mir gut. Es könnte ja schlimmer sein.“


Womit haben Zufriedenheit und Glück also zu tun?


Wer sind „die Alten“?


Als Physiotherapeutin arbeite ich mit Menschen im Altenheim und in der häuslichen Versorgung. Die meisten von ihnen sind Ende der 1930er bis Ende der 1940er Jahre geboren. Viele haben den Zweiten Weltkrieg selbst erlebt – oder zumindest seine unmittelbaren Folgen.


Sie wurden von einer Kriegsgeneration erzogen und wuchsen in einer Zeit auf, die geprägt war von existenzieller Angst, Verlust und Unsicherheit.

Wir Jüngeren kennen Kriegsbilder aus Filmen oder Nachrichten. Diese Menschen haben ihn erlebt.


Eine alte Dame erzählte mir einmal von ihren Kindheitserinnerungen an „Teppiche“ und „Weihnachtsbäume“ am Himmel. Zunächst verstand ich gar nicht, was sie meinte.

Die Teppiche waren die unzähligen Bomben, die über Dortmund abgeworfen wurden.

Die Weihnachtsbäume waren die Brandbomben, die den Himmel erleuchteten.


Angst, Verzweiflung, Trauer, Flucht, Gewalt, Missbrauch und Verlust – all das gehörte zu ihrer Lebensrealität.


Sicherheit durch Enge


Sicherheit ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Ein Kind braucht eine sichere Bindung zur Bezugsperson, um zu überleben.


In Kriegszeiten ist die Bindung zwischen Mutter und Kind oft sehr eng und zugleich stark belastet. In existenzieller Gefahr wird Nähe überlebenswichtig. Doch dauerhafter Stress, Angst und Verluste überfordern die Mutter häufig emotional. Sie liebt ihr Kind, kann aber nicht immer feinfühlig reagieren, weil sie selbst im Überlebensmodus ist. Trost und Verlässlichkeit werden dadurch inkonsistent.


Das Kind erlebt Nähe, aber oft keine Sicherheit. Es spürt die Angst der Mutter und macht unberechenbare Erfahrungen. Die Mutter ist zugleich Schutz und Quelle von Angst – ein innerer Konflikt, der zu Klammern, Überanpassung oder frühzeitiger Reife führen kann.


Gleichzeitig kann Bindung auch im Krieg tragen: Schon kurze, verlässliche Momente von Nähe, Wärme und Zuwendung wirken stabilisierend. Entscheidend ist weniger die objektive Schwere der Umstände als die Erfahrung, wenigstens zeitweise gehalten und getröstet worden zu sein.


Vor diesem Hintergrund lassen sich vielleicht unsere deutsche Ordnungsliebe, das Festhalten am Bekannten und eine gewisse gesellschaftliche Enge verstehen. Sie geben Halt in unsicheren Zeiten.

Diese Generation wuchs auf mit Regeln wie:

Sei brav. Sitze still. Sei stark.

Sei ruhig, wenn Erwachsene sprechen.

Sei fleißig. Frag nicht.

Falle niemandem zur Last.


Anders sein war nicht erlaubt. Was der Staat, der Pfarrer, der Lehrer oder der Vater sagte, wurde nicht hinterfragt. Dazu kamen extrem starre Geschlechterrollen und eine weitgehende Tabuisierung von Sexualität.


Rechtlich und wirtschaftlich waren Frauen lange vom Ehemann abhängig. Bis 1958 durfte er über ihre Berufstätigkeit entscheiden.

Homosexualität war strafbar – der §175 wurde erst 1994 vollständig abgeschafft.

Uneheliche Kinder oder Kinder aus Scheidungsfamilien waren stigmatisiert.

Abweichung galt als unsittlich, gefährlich oder beschämend.


Was macht das mit Menschen?


Diese Generation ist traumatisiert.


Viele Männer kamen gebrochen aus dem Krieg zurück. Eine psychische Aufarbeitung fand kaum statt – die Diagnose PTBS existiert offiziell erst seit 1980.

Viele Frauen erlebten Gewalt, Flucht und Missbrauch – und schwiegen. Denn: „Das geht niemanden etwas an.“


Auch die Diktatur wurde kaum aufgearbeitet. Es entstand eine Kultur der Scham und des Schweigens, die bis heute nachwirkt.

Das blieb nicht ohne Folgen für das Familienleben: Gewalt, Alkohol, Missbrauch, emotionale Kälte oder Überfürsorge, Rückzug, Depressionen – und Traumata, die über Generationen weitergegeben wurden.


Natürlich gab es auch gute Bindungen, Zusammenhalt, Freude und Liebe. Eltern, die bereit waren, alte Verletzungen zu bearbeiten und ihren Kindern eine sichere Bindung zu ermöglichen.


Und wie geht es ihnen nun?


Viele machen sich das Leben schwer. Wirklich zufriedene, in sich ruhende alte Menschen habe ich nur selten erlebt.


Ein großes Thema ist der Verlust von Leistungsfähigkeit. Das tief verinnerlichte Prinzip lautet oft: Wenn du leistest, bist du liebenswert.

Fällt die Leistung weg, bleibt nicht selten das Gefühl zurück, überflüssig und wertlos zu sein.

Hinzu kommt die Angst vor Veränderung. Selbst positive Veränderungen können als Bedrohung erlebt werden.


Die Rolle der Angehörigen


Und genau hier kommt die Rolle der Angehörigen ins Spiel.

Denn für viele alte Menschen ist es heute nicht mehr die eigene Stärke, die trägt, sondern die verlässliche Nähe anderer.


Fürsorge bedeutet dabei weit mehr als Organisation, Pflege oder praktische Hilfe. Sie zeigt sich im Dableiben, im Aushalten, im geduldigen Wiederholen. Im Ernstnehmen von Ängsten, die uns übertrieben erscheinen mögen, die aber aus einer Zeit stammen, in der Sicherheit keine Selbstverständlichkeit war.


Angehörige halten oft Spannungen aus, die Jahrzehnte alt sind. Sie begegnen Schweigen, Strenge oder Rückzug – und bleiben dennoch in Beziehung. Nicht selten tragen sie mit, was nie ausgesprochen wurde. Darin liegt eine stille, oft unsichtbare Form von Liebe.


Vielleicht entsteht genau hier ein Stück Frieden:

Wenn jemand nicht mehr leisten muss, um liebenswert zu sein.

Wenn seine Geschichte Raum bekommt, ohne bewertet oder korrigiert zu werden.

Wenn Nähe heute verlässlicher ist als sie es früher sein konnte.


Die Fürsorge der Angehörigen kann nichts ungeschehen machen. Aber sie kann mildern. Sie kann verbinden. Und manchmal reicht das, um einem langen Leben am Ende ein wenig Wärme, Würde und Ruhe zu schenken.


Nicole

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